Change Region:Germany

„Die Berufung des jüdischen Volkes“

oder: Warum wir als Gemeinde „Schuldner“ sind

DruckversionSend by email

(Nach einer Predigt von Dr. Jürgen Bühler in München am 13.2.2011, der Stil der wörtlichen Rede ist beibehalten. Überarbeitung: Frank Uphoff)

„Denn die in Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Gabe zusammengelegt für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem.  Sie haben´s willig getan und sind auch ihre Schuldner.“ (Römer 16,25)

Paulus gibt hier einen Bericht über seinen Missionseinsatz in Mazedonien und Achaja. Er hat diese Städte bereist und in der ganzen Region dort Gemeinden gegründet. Diese Gemeinden haben sich entschlossen, ein „Jerusalem-Opfer“ einzusammeln. Es hatte einen logischen Grund, warum sie sich entschieden haben, Jerusalem zu segnen. „Wir sind den Juden etwas schuldig“. Sie haben uns etwas gegeben, nämlich geistliche Güter. Da ist es nur recht und billig, dass wir ihnen unsere materiellen Güter oder etwas von uns zurückgeben.

Sofern ihr euer Leben Jesus gegeben habt, ist meine Botschaft an euch folgende: Ihr seid geistliche Schuldner dem jüdischen Volk gegenüber. Ihr mögt mir sagen:  „Ja Moment mal, ich habe noch nie einen Juden getroffen oder bin noch nie von einem zum Kaffee eingeladen worden, wieso soll ich denen was schulden?“ - Ihr habt alle einen Juden getroffen, mindestens einen, und das ist der, der euch errettet hat,  Jesus Christus.

Wir müssen verstehen, was die Berufung des jüdischen Volkes ist und was für eine Bedeutung das für uns als Christen hat. Welche Aufgabe(n) haben wir an Israel?

Diese Botschaft ist nichts für die „Israelexperten“, sondern hat vielmehr eine grundlegende Bedeutung. Die beste Passage, um mit dem Thema zu beginnen, finden wir in 1. Mose 12,1-3, da lesen wir: „Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland (…) und will dich segnen (…) und du sollst ein Segen sein.“ Welche Rolle und Berufung hat Israel in der Geschichte?

Paulus merkt, was in den Köpfen seiner Zuhörer vor sich geht, und stellt deswegen in Römer 3,1 die Frage: „Was hat nun der Jude für einen Vorzug oder was nützt die Beschneidung?“ Und wenn man diese Frage an viele Christen stellt, sagen diese: Ja Paulus -  keinen Vorzug, denn alle brauchen Jesus, Juden und Griechen brauchen Jesus, um gerettet zu werden. Manche Christen gehen mit den Aussagen noch weiter: Gott ist ohnehin fertig mit dem jüdischen Volk, wir als Christen haben sie ersetzt, wir sind das neue auserwählte Volk Gottes.  Diese Theologie nennt man Ersatztheologie.

Die Antwort, die Paulus hier gibt, ist eine völlig andere: „Was ist nun der Vorzug der Juden? Was nützt die Beschneidung? Viel in jeglicher Hinsicht.“  Und er gibt in diesem Zusammenhang gleich den Grund, warum es so wichtig ist, diese Berufung zu erkennen. Ich möchte ihre Berufung in drei Punkten zusammenfassen: 

Das Wort Gottes anvertraut

„Denn vor allem sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden.“Er sagt: Die erste Berufung, die auf dem jüdischen Volk liegt, war, der Menschheit das Wort Gottes zu geben.

Dieses Buch, das ihr hoffentlich jeden Tag lest und studiert, ist ein durch und durch jüdisches Buch. Jeder Schreiber des Wortes Gottes war ein Jude.

Gott sagt, dass er eine bestimmte Berufung auf das jüdische Volk gelegt hat. Man kann sagen, die Juden sind die Privatsekretäre Gottes geworden. D.h. Gott hat gesagt: Ich habe hier eine Botschaft an die Menschheit weiter zu geben, und er sagte: Jeremia, komm mal her in mein Büro, ich habe hier einen Brief zu diktieren. Jesaja, komm mal her in mein Büro für eine Botschaft an die Menschheit. Hosea komm! - Und wenn man alle die Propheten durchliest, stellt man fest, immer wieder sagt Gott zu den Propheten: Schreibt auf, was ich euch sage.

Deshalb fragt Paulus: „Was ist der Nutzen der Beschneidung? – Das bedeutet viel, denn ihnen sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden.“ Und ich denke, bereits jetzt könnte ich aufhören. Ihr versteht, was die Gemeinde in Mazedonien meint, wenn sie sagt: Wir sind Schuldner des jüdischen Volkes geworden. Sie haben uns gesegnet. Sie haben dafür gesorgt, dass das Wort Gottes erhalten geblieben ist. Sie haben dafür gesorgt, dass den Nationen das Wort des Lebens gegeben und erhalten wurde, das heute der Bestseller von allen jemals publizierten Büchern geworden ist. Jesaja hatte damals wahrscheinlich keine Ahnung, dass das, was er schreibt,  eines Tages in 3000 Sprachen übersetzt werden würde.  Den Juden sind die Aussprüche Gottes anvertraut worden.

Priesterdienst

Die zweite Berufung, die das jüdische Volk hat, finden wir in 2. Mose 19, 6: Da sagt Gott zu Israel (sie befinden sich am Berg Sinai): „Ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Das heißt, das jüdische Volk hat eine priesterliche Rolle. Was bedeutet es, ein Priester zu sein?

Da ist zunächst der Gebetsdienst. Es ist ganz wichtig für uns als Gläubige, die einen Gebetsdienst haben, dass wir verstehen, was war die Berufung eines Priesters? Wenn man sich die Gebete von uns Gläubigen anhört, geht das meistens so: Herr du siehst, ich habe hier wieder mein Konto überzogen und alle Zahlen sind in rot… Herr, bitte hilf  mir. Unsere Gebete sind oft sehr selbstbezogen.

Wenn der Hohepriester in die Gegenwart Gottes kam, so beschreibt uns die Bibel, dass er ein bestimmtes Gewand trug. Auf seiner Brusttasche waren 12 Edelsteine angebracht. Und auf den 12 Steinen waren die Namen der 12 Stämme Israels eingraviert. Auf seinen beiden Schultern hatte er zwei Onyxsteine, links sechs Namen und rechts sechs Namen der Stämme Israels. Wenn der Hohepriester in die Gegenwart Gottes ging, trug er das Volk Israel auf seinem Herzen und auf seinen Schultern und hat für sein Volk gebetet. So sollen auch wir einen priesterlichen Dienst füreinander tun.

Da war noch etwas, was die Priester zu tun hatten. Sie mussten Opfer bringen. Der Talmud, die jüdische Tradition, erzählt uns in großem Detail, was zu der Zeit von Jom Kippur geschah, am großen Versöhnungstag und was die Aufgabe der Priester dabei war. Das war der einzige Tag im jüdischen Kalender, der heiligste Tag,  an dem der Hohepriester die Erlaubnis hatte, in die Gegenwart Gottes zu gehen, d.h. vor die Bundeslade zu treten. Und er würde an diesem Tag 2 Ziegenböcke nehmen, den einen schlachten und den anderen in die Wüste schicken und so die Sühnung für das ganze Volk Israel erwirken.

Die Priester mussten ein fehlerloses Lamm finden. So hat man auch Jesus zu seiner Zeit untersucht und ihn als „fehlerloses Lamm“ erfunden.  Jeden Abend, so sagt uns das Wort Gottes, kamen die Diener verlegen zum Hohenpriester zurück und sagten: Wir konnten nichts finden, dieser Mann hat eine perfekte Lehre. Und einer von ihnen platzte damit raus:  In ganz Israel predigt keiner so toll wie dieser Jesus!

„Und obwohl viele falsche Zeugen herzu traten, fanden sie doch nichts.“(Matth. 26,60) – Das heißt, Jesus war das perfekte Lamm ohne jeglichen Makel. Der einzige Grund, warum Jesus dann getötet wurde, war, weil er gesagt hatte, dass er der Sohn Gottes sei.

Es gibt viele Christen, auch unter den Israelfreunden, die sagen, die Juden haben Jesus nicht getötet. Ich sage euch heute, kein anderes Volk hätte dies tun können, denn die Bibel ist sehr explizit, wenn es um Opferung geht. Im AT sind ganze Kapitel oder Bücher ausschließlich dem gewidmet, zu beschreiben, wie Opfer dargebracht werden sollen. Nur den Priestern war es erlaubt Opfer darzubringen. Und wenn Jesus wirklich das Lamm Gottes war, das die Sünden der Welt hinweg getragen hat, dann bedurfte es eines priesterlichen Volkes, um dieses Opfer zu bringen.

Ich weiß, es ist eine tragische Sache und ein ganz heißes Eisen, das ich hier anfasse, weil ja die Kirche über Jahrhunderte hinweg mit dem Finger auf die Juden gezeigt hat und gesagt hat, ihr seid Christusmörder, Gottesmörder - als ob man Gott umbringen könnte. Und Millionen von Juden sind getötet worden von der Kirche, von uns Christen.

Petrus sagt  „Ihr habt in Unwissenheit gehandelt.“ (1. Petr. 1,14). Erinnert ihr euch, was eines der letzten Worte Jesu am Kreuz waren? – „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Wenn das jüdische Volk verstanden hätte, wer Jesus ist, wenn sie verstanden hätten, hier steht der Messias, der Sohn Gottes vor ihnen, ich garantiere, sie hätten ihn angenommen. Jesus ist nie durch Israel gereist und hat gesagt: glaubt an mich, ich bin der Sohn Gottes, ich bin der Messias.

Ein prophetischer Dienst

Die dritte Rolle, ist ein prophetischer Ruf in diesen letzten Tagen, in denen wir hier leben - darüber lesen wir hier. Petrus spricht jetzt weiter:„So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung vom Angesicht des Herrn kommen, und er den sende, der euch zuvor verkündigt wurde, Jesus Christus,  den der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung all dessen, wovon Gott durch den Mund aller seiner heiligen Propheten von alters her geredet hat.“

Nochmals, Petrus steht hier im Tempel, die Zuhörer sind alle Juden, und er sagt: Bekehrt euch zu Jesus!  Und dann sagt Petrus etwas Interessantes: Wenn ihr euch zu Jesus bekehrt, dann wird das Folgen haben und Konsequenzen mit sich bringen: 1.) Zeiten der Erquickung werden kommen. Aber was noch viel wichtiger ist: 2.) Wenn ihr Buße tut und euch zu Jesus hinwendet, dann wird Gott seinen Messias zurück auf diese Erde schicken.

Und was Petrus hier andeutet ist: Wenn ihr euch bekehrt, wenn ihr eure Herzen zu Jesus hinwendet, dann werden diese Zeiten anbrechen. Dann wird Gott seinen Sohn wieder zurückschicken. Dann wird die Zeit des Messias über diesen Erdkreis einbrechen. Das ist die letzte und die große Berufung und wahrscheinlich die größte Berufung, die das jüdische Volk noch zu erfüllen hat.

Das Kommen Jesu braucht eine geistliche Erweckung oder Erneuerung unter dem jüdischen Volk. Oder anders ausgedrückt. Die letzte große prophetische Aufgabe, die das jüdische Volk zu tun hat, ist den Messias auf dieser Erde willkommen zu heißen und hier auf die Erde zurück zu bringen.

Liebe Freunde, ich denke, genau aus diesem Grund sind die Juden heute aus mehr als 100 Ländern nach Israel zurück gekehrt. Nicht etwa, weil es die Vereinten Nationen so wollten oder irgendwelche andere Bewegungen, die Leute mobilisiert haben, sondern Gott selber hat sein Volk zurück gebracht, um ihn willkommen zu heißen auf dieser Erde. Und deswegen sehen wir auch, wie alle Nationen um Israel herum nichts anderes so sehnlich suchen und verlangen wie die Auslöschung des Staates Israel.

Deshalb ist es von absoluter Wichtigkeit, dass wir alle als Christen, auch wenn wir vielleicht viele andere Aufgaben und Berufungen haben, dennoch für den Frieden Jerusalems beten.

Dass uns die Anliegen des jüdischen Volkes auch zum Anliegen werden. Das heißt jetzt nicht, dass wir alle nach Jerusalem pilgern müssen.

Aber dennoch möchte Gott, dass wir verstehen, wie es die Gemeinde in Mazedonien verstanden hat, dass wir Schuldner gegenüber dem jüdischen Volk sind. Gott hat sie auserwählt, Segen über die Menschheit zu bringen, durch das Wort Gottes, durch ihren Messias, den sie uns gegeben haben, durch den priesterlichen Dienst und auch durch ihre prophetische Rolle, die sie in den letzten Tagen zu spielen haben.

Das heißt nicht, dass wir an die Juden glauben müssen oder dass wir Israelfanatiker werden müssen oder was auch immer, aber das heißt, dass wir erkennen, dass Gott sich entschieden hat, das jüdische Volk zu gebrauchen, um seine heilbringenden  Mittel der Menschheit weiter zu geben. Deshalb tun wir als Gemeinden gut daran zu sagen: Wir wollen Israel segnen.

Nicht dass das jetzt zur Top-Priorität werden muss, aber dass es auch ein Teil unseres Glaubenslebens ist.

 

Share this: