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Christliche Zionisten: Einsatz für die Wiederherstellung Israels

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

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In der von antijüdischen Lehren und Verfolgungen durchzogenen Kirchengeschichte finden sich nur wenige namhafte Personen, wie Philipp Jacob Spener und Nikolaus Graf von Zinzendorf, deren Einstellung gegenüber Juden von Akzeptanz und großem Respekt geprägt war. Ihre positive Einstellung gründete vor allem auf einem intensiven Studium der Bibel, insbesondere des Alten Testaments. (Foto: ICEJ, Christ Church, Zentrum christlicher Zionisten im 19. Jahrhundert, Symbolbild)

Diese zentrale Rolle des Bibelstudiums bestärkte zahlreiche Christen, insbesondere in Deutschland und England, in ihrem Glauben an eine bevorstehende Wiederherstellung Israels im Heiligen Land, das sich damals unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs befand. Ihre Überzeugung wuchs, dass Christen berufen waren, die Rückkehr des jüdischen Volkes vorzubereiten.

 

Juden im Osmanischen Reich

Im Osmanischen Reich standen Nicht-Muslime unter dem Schutz des Sultans, zahlten entsprechend der geltenden Scharia Kopfsteuer und konnten innerhalb eines streng abgesteckten und begrenzten Rahmens in ihren jeweiligen Subkulturen leben. Infolge des zunehmenden Einflusses und Interesses christlicher Weltmächte im Nahen Osten, verstanden sich diese auch als Schutzmächte christlicher Denominationen. Juden hingegen, insbesondere die aus Europa und Russland zugewanderten, waren schutzlos der Willkür ihrer muslimischen Herrscher und den Demütigungen ihrer Nachbarn ausgeliefert.  

In den 1820er und 1830er Jahren konnten evangelikale Anglikaner dank guter Kontakte zur britischen Regierung diese von den Vorteilen eines Konsulats in Jerusalem überzeugen. Damit würde Großbritannien nicht nur seine geopolitischen Interessen in Nahost stärken, sondern könnte eine Schutzrolle einnehmen – für die Protestanten sowie die Juden im Heiligen Land. 1839 wurde schließlich der erste britische Konsul nach Jerusalem entsandt.

Ein preußisch-britisches Bistum in Jerusalem

Auf deutscher Seite ergriff Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Initiative. Der vom Pietismus geprägte Monarch hatte die Vision von einer Vereinigung protestantischer Christen weltweit, gleich welcher Denomination sie angehörten, und glaubte, der Ausgangspunkt dafür müsste Jerusalem sein. Darum unterbreitete Christian von Bunsen, preußischer Gesandter in London, der britischen Regierung und den Kirchenführern 1841 den Vorschlag, ein protestantisches Bistum in Jerusalem zu errichten. Bei den evangelikalen Anglikanern stieß dieser Gedanke auf offene Ohren. Da Preußen damals kaum politische Interessen im Nahen Osten hatte, oblag es Großbritannien, die Führungsrolle zu übernehmen und den Schutz des Bistums zu gewährleisten.

Michael Salomo Alexander

Für das Amt des ersten Gemeindeleiters in Jerusalem seit der urchristlichen Gemeinde im ersten Jahrhundert, galt Michael Salomo Alexander als idealer Kandidat: In Preußen als Jude geboren war er als junger Erwachsener nach England emigriert, wo er zunächst Rabbiner wurde. Einige Jahre später, nachdem er Christ geworden war, wurde er anglikanischer Priester. 1841 wurde Alexander zum ersten Bischof Jerusalems ordiniert. Er verstarb jedoch nur vier Jahre später. Unter seiner Leitung wurden in Jerusalem eine Handwerksschule, eine hebräische Schule und das erste Krankenhaus im Heiligen Land errichtet. Sein Nachfolger, der Schweizer Samuel Gobat, führte diese Pionierarbeit fort und ließ zahlreiche weitere Schulen eröffnen, auch für arabische Kinder.

Die Protestanten, deren Zentrum die 1849 eingeweihte Christuskirche (Christ Church) nahe des Jaffa-Tores war, waren neben ihrer karitativen Arbeit auch sehr missionarisch aktiv – besonders unter den Juden. Dies rief den Widerstand der jüdischen Rabbiner hervor. Besorgt, die Protestanten könnten eine große Zahl jüdischer Menschen zum Christentum bekehren, forderten sie jüdische Gemeinden in Europa auf, sich der Bedürfnisse der in Armut lebenden Juden Jerusalems anzunehmen. 1854 ließ James Mayer de Rothschild (Paris) das Mayer-Rothschild-Krankenhaus, das erste jüdische Krankenhaus in Jerusalem, eröffnen. Drei Jahre später folgte das Bikkur-Cholim-Krankenhaus. Moses Montefiore (London) kaufte 1855 einen Orangenhain in Jaffa, den ersten Orangenhain in jüdischem Besitz. 1860 errichtete er in Jerusalem ein Armenhaus aus dem später der erste jüdische Stadtteil Jerusalems außerhalb der Altstadtmauern entstand: Mischkenot Scha’ananim. In der nahestehenden Windmühle sollte die bedürftige Bevölkerung eigenständig Getreide mahlen. Neben weiteren Stadtteilen, die Montefiore bauen ließ, sponserte er auch eine Druckerei und eine Textilfabrik.

1887 wurde das preußisch-britische Abkommen über das Bistum Jerusalem auf Betreiben des deutschen Kaiserreichs aufgelöst. Kaiser Wilhelm I. und sein Reichskanzler Otto von Bismarck sahen Deutschlands wachsende außenpolitische Interessen in Nahost nicht mehr ausreichend darin vertreten.

Erster jüdischer Landwirtschaftsbetrieb

Die Aktivitäten der Protestanten waren jedoch nicht nur auf Missionsarbeit unter den Juden (und später auch den Arabern) begrenzt. Der ab 1846 in Jerusalem stationierte britische Konsul James Finn und seine Frau Elizabeth waren überzeugte Zionisten und setzten sich unermüdlich für den Aufbau einer modernen Gesellschaft ein. 1849 initiierten sie nahe Bethlehem den ersten modernen Landwirtschaftsbetrieb für Juden. Neben dem Wunsch, in Armut lebenden Juden Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, hofften die Finns, europäische Juden vom landwirtschaftlichen Potenzial des Landes zu überzeugen und sie zu ermutigen, ins Land ihrer Vorväter zurückzukehren und es wieder urbar zu machen.

1855 ließ James Finn eines der ersten Gebäude außerhalb der Altstadtmauern errichten. Es handelte sich um einen handwerklichen Betrieb, in dem Juden landwirtschaftliches Training erhielten. Später wurde daraus der Stadtteil Kerem Avraham. Seine Position als Konsul nutzte Finn auch, um Juden beim Kauf von eigenen Grundstücken zu unterstützen, wie z.B. westlich von Jerusalem, wo die jüdische Ortschaft Motza entstand.

Conrad Schick: Ein deutscher Architekt in Jerusalem

Ein deutscher christlicher Zionist, der wohl die meisten Spuren in Jerusalem hinterlassen hat, war Conrad Schick. Geboren in Bitz (Württemberg) ließ er sich in den 1840er Jahren in Jerusalem nieder, wo er zunächst mit dem Bau und Verkauf von Kuckucksuhren seinen Lebensunterhalt bestritt. Schließlich unterrichtete er in der von Michael Salomo Alexander gegründeten Handwerksschule für jüdische Jugendliche und wurde 1857 deren Schuldirektor. (Foto: Wikipedia, Conrad Schick, Symbolbild)

Ohne formelle Ausbildung als Architekt entwarf und überwachte Schick den Bau zahlreicher Neubauten in Jerusalem. Sein berühmtestes Werk ist das Stadtviertel Mea Schearim, in dem bedürftige orthodoxe Juden aus der Jerusalemer Altstadt ein neues Zuhause finden sollten und das nach seinen Plänen errichtet wurde. Ein Stück der Fassade der arabischen Mädchenschule Talitha Kumi, die er ebenfalls entwarf, ist heute in der King-George-Straße zu sehen. Weitere von ihm entworfene Gebäude sind das Leprakrankenhaus Jesus-Hilfe im heutigen Stadtteil Talbiya, das lutherische Hospiz in der Altstadt, die arabisch-anglikanische St. Pauluskirche in der Shivtei-Israel-Straße und das Evangelische Diakonissenkrankenhaus (heute ein Teil des Bikkur-Cholim-Krankenhauses) in der Prophetenstraße.

1872 erhielt Schick die Erlaubnis, den Tempelberg zu erforschen, einschließlich der Moscheen und der unterirdischen Anlagen. Basierend auf seinen Untersuchungen schuf er detailgetreue Modelle, bestehend aus beweglichen und abnehmbaren Einzelteilen, die Forschern einen einzigartigen Einblick in die sonst schwer zugänglichen Stätten ermöglichten. Er schuf zahlreiche weitere Modelle Jerusalems, der Grabeskirche und anderer Jerusalemer Bauten. Einige Modelle Conrad Schicks sind heute auf dem Gelände der anglikanischen Christ Church ausgestellt.

Schick wurde auch zu einem bedeutenden Topographen und Archäologen Jerusalems. Er entdeckte u.a. den Teich Bethesda und veröffentlichte regelmäßig Artikel für den Palestine Exploration Fund. Er arbeitete mit dem berühmten britischen Offizier, Archäologen und Topographen Charles W. Wilson zusammen, der im Laufe des 19. Jahrhunderts zahlreiche Vermessungen und archäologische Untersuchungen in Jerusalem und Umgebung durchführte.

William Hechler und Theodor Herzl

1896 machte William Hechler, Sohn eines deutschen Vaters und einer britischen Mutter und Kaplan der britischen Botschaft in Wien, die Bekanntschaft von Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Zu diesem Zeitpunkt wurden Herzl und seine Vision eines Judenstaats von der Mehrheit der europäischen Juden nicht ernst genommen. Um seine Ideen voranbringen zu können, brauchte Herzl dringend Kontakte zu den deutschen Herrscherfamilien. Hechler, überzeugt von der bevorstehenden Wiederherstellung Israels, unterhielt gute Beziehungen zu Großherzog Friedrich I. von Baden, der ebenfalls an die Rückkehr des jüdischen Volkes in das Land seiner Väter glaubte. Nach einem Treffen mit Herzl wurde der Großherzog lebenslanger Unterstützer des Zionismus und arrangierte 1898 ein Treffen zwischen Herzl und seinem Neffen– dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Theodor Herzl konnte den Kaiser nicht für seine Ideen gewinnen. Dennoch war das Treffen ein wichtiges Signal dringend benötigter politischer Legitimation für Herzl und seinen politischen Zionismus.

Gobat, Fliedner und Schneller

Bischof Samuel Gobat, der 1846 Nachfolger Michael Salomo Alexanders wurde, weitete die karitativen und missionarischen Aktivitäten des Jerusalemer Bistums auf arabische Christen nicht-protestantischer Denominationen aus. Unterstützung erhielt er von weiteren Christen wie Theodor Fliedner, Gründer der Kaiserswerther Diakonie. 1851 reiste Fliedner mit einigen Diakonissen nach Jerusalem, wo er die evangelische Mädchenschule Thalita Kumi gründete, an der in den folgenden Jahrzehnten arabische, jüdische und armenische Mädchen unterrichtet wurden. Infolge Fliedners Pionierarbeit wurde 1894 auch das Evangelische Diakonissenkrankenhaus eröffnet (heute Teil des Bikkur-Cholim-Krankenhauses). Johann Ludwig Schneller, pietistischer Missionar unter der arabischen Bevölkerung Jerusalems, eröffnete 1860 ein Waisenhaus für christlich-arabische Waisenkinder aus dem Libanon. Es wurde als „Syrisches Waisenhaus“ bekannt, in dem bis 1940 arabische Waisenkinder eine akademische sowie eine handwerkliche Ausbildung erhielten.

Das Erbe der christlichen Zionisten

Aufgrund ihrer Missionierungsbemühungen wurden die christlichen Zionisten des 19. Jahrhunderts von der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung sehr kritisch gesehen. Während Christen in Großbritannien sich Anfang des 20. Jahrhunderts weiter für die Errichtung eines jüdischen Staates einsetzten, ging ihr Einfluss vor Ort weiter zurück, bis er, infolge der sich verschlechternden Beziehungen zwischen Briten und Juden im Mandatsgebiet Palästina, vollständig verschwand.

Dennoch gehörten christliche Zionisten zu den ersten, die das Land Israel für die Heimkehr des jüdischen Volkes im großen Umfang vorbereiteten. Über die Jahrhunderte hinweg waren immer wieder Juden ins Land ihrer Väter zurückgekehrt, doch die erste große Alijah-Welle, mit der rund 30.000 Juden zurückkehrten, setzte erst ab 1882 ein – knapp vierzig Jahre nach der Ankunft Michael Salomo Alexanders. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits erste Infrastrukturen wie Schulen, handwerkliche und landwirtschaftliche Betriebe und Krankenhäuser – von den Christen initiiert.

Da sie ihre karitativen Aktivitäten mit Missionierungsversuchen verbanden, bewirkten sie eine Gegenreaktion unter jüdischen Philanthropen Europas, die entscheidend für die weitere Entwicklung des Zionismus war. Edmond de Rothschild begann ab 1882 mehrere hundert Quadratkilometer umfassende Grundstücke zu erwerben, zur Ansiedlung aus Russland und Osteuropa geflohener Juden und zur landwirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Auch auf diesem Gebiet hatten Christen Pionierarbeit geleistet und dies zu einem Zeitpunkt, als viele Juden in der Diaspora noch nicht von der Urbarmachung des Landes überzeugt waren. Außerdem geben ihre archäologischen Arbeiten, Vermessungen und Dokumentationen heute einen wichtigen Einblick in die demographischen und topographischen Gegebenheiten des Heiligen Lands unter der Osmanischen Herrschaft.

Viele Projekte der christlichen Zionisten gingen im Laufe der Jahre ein, dennoch hatten sie etwas Größeres in Gang gesetzt: Sie hatten die Rückkehr des jüdischen Volkes vorbereitet – wie sie erhofft hatten.

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