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Gesellschaftliche und religiöse Hindernisse: Israelische Frauen gehen ihren Weg

Frauen in Israel

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von Ester Heinzmann

Bereits vor der Gründung des modernen jüdischen Staates arbeiteten Männer und Frauen Seite an Seite: bei der Trockenlegung der Sümpfe und dem Aufbau landwirtschaftlicher Betriebe zur Zeit des Osmanischen Reichs. Frauen dienten in den jüdischen Paramilitärs der Mandatszeit, kämpften 1948-49 im Unabhängigkeitskrieg und gestalten seit 1949 die Politik des jüdischen Staates mit. (Foto: Unsplash, Jüdisch-orthodoxe Mutter in Jerusalem, Symbolbild)

Trotz dieser richtungsweisenden Gleichberechtigung mussten auch in Israel Frauen zahlreiche Hindernisse überwinden und die sog. „gläserne Decke“ durchbrechen. Dabei sieht sich jede gesellschaftliche Gruppe, ob säkular oder orthodox, ob äthiopisch- oder russisch-stämmig, mit ihren ganz eigenen Herausforderungen konfrontiert. Auch arabische und drusische Frauen gehen als Vertreterinnen ethno-religiöser Minderheiten mit Kompetenz und Entschlossenheit ihren Weg.

Israels Frauen: Starke Präsenz im Justizwesen

Frauen sind im israelischen Justizwesen seit den Anfängen des jüdischen Staates stark vertreten, sei es im akademischen Bereich, im öffentlichen Dienst oder in privaten Kanzleien. Heute machen Frauen in den 30 Magistratsgerichten rund 40% der Richter aus, bei den sechs Bezirksgerichten und dem Obersten Gerichtshof ist ihr Anteil geringer. Dennoch sind z.B. einige wichtige Rechtsberater im jüdischen Staat Frauen, wie Generalmajorin Yifat Tomer-Yerushalmi, die amtierende Generalanwältin der Israelischen Verteidigungskräfte. Sie ist die erste Frau, die diese Position innehat (und die zweite Generalmajorin Israels).

Esther Hayut, Tochter rumänisch-stämmiger Holocaustüberlebender, die 1953 in einem Auffanglager in Herzlija zur Welt kam, ist seit 2017 bereits die dritte Vorsitzende Richterin an Israels Oberstem Gerichtshof. Anfang 2022 wurde die langjährige Staats- und Rechtsanwältin Gali Baharav-Miara zur ersten Generalstaatsanwältin Israels ernannt. Zu ihren Aufgaben gehörtvor allem die Rechtsberatung von Regierung und öffentlichen Einrichtungen sowie die Vorbereitung und Ausarbeitung von Gesetzen. Eines der wichtigsten öffentlichen Ämter im jüdischen Staat, beauftragt mit dem Schutz von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, ist nun ebenfalls mit einer Frau besetzt. (Foto: The udiciary of Israel, Esther Hayut, November 2017)

Auch arabische Israelis sind unter den Juristen im Land zu finden. Einer Datenerhebung von 2019 zufolge sind 8,4% der israelischen Richter Araber. Unter den muslimisch-arabischen Richterinnen nimmt die 1973 geborene Osaila Abu Assad eine Vorreiterrolle ein. Sie wurde 2022 die erste muslimische Bezirksrichterin Israels, am Bezirksgericht Nazareth.

Ada Yonath: Israels einzige Nobelpreisträgerin

Ada Yonathist die einzige Frau unter den 13 israelischen Nobelpreisträgern, sowie eine von insgesamt 58 Nobelpreisträgerinnen weltweit (Stand Mai 2022). Die Biochemikerin wurde 1939 als Tochter eines Rabbiners in Jerusalem geboren. Am Weizmann-Institut für Wissenschaften studierte sie Röntgenkristallographie und schloss 1968 mit einemPh.D. ab. Seit 1988 ist sie Professorin für Strukturbiologie. Jahrzehntelang erforschte Yonath die Struktur von Ribosomen und ihre Rolle in der Wirksamkeit von Antibiotika. Yonaths Forschungen führten zur Entwicklung neuer Antibiotika und zum besseren Verständnis von Antibiotika-Resistenz. Gemeinsam mit dem Inder Venkatraman Ramakrishnan und dem US-Amerikaner Thomas A. Steitz wurde Ada Yonath 2009 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.

Sabrin Saadi: Fromme Muslimin wird Polizeileutnant

2020 wurde zum ersten Mal in der Geschichte Israels eine kopftuchtragende Muslimin Offizierin der israelischen Polizei. Sabrin Saadi, eine Beduinin aus Nordisrael, dient als leitende Ermittlerin in der Jugendabteilung der Polizei Kafr Kana in Galiläa. Bereits nach ihrem Schulabschluss leistete sie freiwillig Nationaldienst in der Polizei und begann anschließend eine Ausbildung auf der Polizeischule. Nach dem Abschluss eines Offizierslehrgangs wird sie nun den Rang eines Leutnants bekleiden. Die fromme Muslimin, die fünfmal am Tag betet, hat eine Botschaft an andere muslimisch-arabische Frauen: „Die Polizei ist ein guter Platz für euch. Ihr könnt euch weiterentwickeln, euch beweisen und euch ebenbürtig fühlen.“ Von der Kritik einiger Familienmitglieder und von Drohungen in sozialen Netzwerken lässt Saadi sich nicht beirren. „Ich fürchte mich nur vor Gott“, sagt sie. (Foto: Israel Police, Sabrin Saadi)

Die jüdischen, muslimischen und christlichen Soldatinnen Israels

Roni Zuckerman, Enkeltochter von Jitzhak Zuckerman und Zivia Lubetkin, Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943, wuchs im von Überlebenden des Aufstands gegründeten Kibbuz Lochamei Hagetaot nahe Haifa auf. Im Jahr 2000 wurde sie Israels erste Kampfpilotin. Sie diente anschließend in einer F-16-Staffel und wurde später zur Pilotenausbilderin ernannt. Amira al-Hayb war Israels erste Beduinin in der israelischen Armee. Aufgewachsen in Galiläa, meldete sie sich 2003 freiwillig zum Wehrdienst. Israels Beduinen sind von der Wehrpflicht befreit, dennoch leisten jedes Jahr hunderte Männer freiwillig Wehrdienst. Als Frau löste al-Hayb jedoch in ihrer Gemeinschaft einen Sturm der Entrüstung aus, ihre Familie sah sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Sie blieb dabei und wurde Grenzpolizistin.

Die christliche Araberin Elinor Joseph trat 2009 auf Anraten ihres Vaters, einem ehemaligen Fallschirmjäger, in die israelische Armee ein. Seit 2010 dient sie als erste arabische Kombattantin Israels im aus Männern und Frauen bestehenden Caracal-Bataillon. Orna Barbivai, Jüdin mit rumänisch-irakischer Abstammung, wurde 2011 als erste Frau in der israelischen Armee zum Generalmajor befördert. Es ist der zweithöchste Rang der israelischen Armee. Zwischen 2011 und 2014 leitete sie die Personaldirektion der Armee. 2014 ging Barbivai in den Ruhestand, wechselte 2019 in die Politik und zog im selben Jahr als Kandidatin der Jesch-Atid-Partei in die Knesset ein. Seit 2021 ist sie Israels Wirtschaftsministerin.

Engagement für orthodoxe Jüdinnen

Adina Bar-Shalom, will Brücken zwischen den Haredim, den ultraorthodoxen Israelis, und den säkularen Israelis bauen. 2001 gründete sie die erste haredische Hochschule in Jerusalem, mit dem Ziel, ultraorthodoxen Jüdinnen, die üblicherweise die Haupternährer ihrer Familien sind, ein Hochschulstudium und somit den Zugang zum israelischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die Tochter von Israels verstorbenem sephardischen Oberrabbiner Ovadja Josef setzt sich außerdem für Frauenrechte innerhalb der haredischen Gemeinschaft ein. 2014 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Israel-Preis, der höchsten zivilen Auszeichnung des jüdischen Staats, geehrt.

 

Frauen überwinden Barrieren in der Politik

Hussniya Dschabara wurde 1999 als Abgeordnete der Meretz-Partei als erste arabisch-israelische Frau in die Knesset gewählt. Die erste äthiopisch-jüdische Frau in der Knesset wurde 2013 Pnina Tamano-Shata, Abgeordnete der Jesch-Atid-Partei. 2019 wechselte sie zu Blau-Weiß und ist seit 2020 Israels Ministerin für Alijah und Integration. Tamano-Shata ist somit das erste äthiopisch-jüdische Kabinettsmitglied Israels. Die Rechtsanwältin und Journalistin, die nun die jüdische Einwanderung nach Israel verantwortet, kam selbst 1984 im Alter von drei Jahren im Zuge der „Operation Mose“ nach Israel. Damals evakuierte Israel rund 7.000 äthiopische, in den Sudan geflüchtete Juden. Tamano-Shatas ehemalige Parteifreundin, die Journalistin Gadeer Kamal-Mreeh (ehem. Blau-Weiß-Bündnis, heute Jesch Atid) gehörte zwischen 2019 und 2020 als erste drusische Frau der Knesset an. 2017 war sie die erste nichtjüdische Nachrichtensprecherin im hebräisch-sprachigen Fernsehen. Seit 2021 ist sie Repräsentantin der Jewish Agency in Washington DC. (Foto: GPO/Haim Zach, Pnina Tamano-Shata)

Israelische Frauen im Sport

Linoy Ashramaus Rischon LeZion ist Israels erste Goldmedaillengewinnerin in Rhythmischer Sportgymnastik. Sie holte 2021 in Tokio Gold. Ashram ist damit die erste israelische Frau, die olympisches Gold gewann. Außerdem ist sie die erste nicht-russische Goldmedaillengewinnerin seit 20 Jahren in dieser Disziplin. Ein weiterer Grund, der Aschrams Goldmedaille besonders macht ist ihre jemenitisch-sephardische Abstammung. Nach ihrem Triumph in Tokio erklärte sie, sie sei besonders stolz darauf, bewiesen zu haben, dass nicht nur Osteuropäerinnen, die diese Sportart dominieren, siegen können. Israels erste Olympiamedaille gewann ebenfalls eine Frau: Jael Arad holte 1992 Silber im Judo.

Die in Kenia geborene Lonah Chemtai Salpeter kam 2008 als Kindermädchen einer kenianischen Diplomaten-Familie nach Israel. 2014 heiratete sie den Israeli Dan Salpeter, und begann professionell als Langstreckenläuferin zu trainieren. Seit 2016 ist sie israelische Staatsbürgerin und vertritt Israel bei internationalen Wettkämpfen. Ihre bisher größten Errungenschaften waren Gold beim Tokio-Marathon 2020 sowie bei den Europameisterschaften 2018 in Berlin. Sie vertrat den jüdischen Staat bei den Olympischen Spielen 2016 und 2020 als große Hoffnungsträgerin, eine Olympische Medaille hat sie bisher noch nicht gewonnen.

Eine mögliche künftige Olympia-Teilnehmerin ist die 27-jährige Karawan Halabi aus Daliat el-Karmel. Sie ist die erste drusische Athletin, die einen israelischen Rekord hält: den 1.000-Meter-Lauf beendete sie im Februar 2022 in 2:43:99 Minuten und brach damit einen 25-jährigen Rekord. „Als Frau in der drusischen Gemeinschaft, die konservativ ist und mit Sport wenig am Hut hat“, musste Halabi nicht nur sportliche Herausforderungen angehen. Sie studiert Biomedizintechnik am Technion in Haifa, der technischen Universität Israels und eine der besten Universitäten im Nahen Osten.

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