Change Region:Germany

Judenverfolgung im Mittelalter: Pogrome

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

DruckversionSend by email

Pogrome während des Ersten Kreuzzugs

1096 beendete die Gezerot Tatnu („Verfolgung des Jahres 4856“ – nach jüdischer Zeitrechnung) die Blütezeit der SchUM-Gemeinden. Papst Urban II. hatte die Christenheit zu einem Kreuzzug aufgerufen, um das Byzantinische Reich gegen die „ungläubigen“ Seldschuken zu unterstützen. Wenige Monate vor dem eigentlichen Kreuzzug, als Kreuzritterheere nach Kleinasien und ins Heilige Land zogen, setzte sich ein sogenannter „Armenkreuzzug“ in Bewegung. Er bestand mehrheitlich aus Bettlern und verarmten Bauern, die mit ihren Familien in Frankreich aufbrachen und plündernd und mordend entlang des Rheins, Mains und der Donau zogen, um Juden – die sog. „Christusmörder“ und „Ungläubigen“ im eigenen Land – zu töten. (Foto: Wikimedia Commons, Darstellung Wormser Juden aus dem 16. Jahrhundert, Symbolbild)

In Worms und Mainz gelang es den judenfeindlichen Horden, die bischöfliche Residenz zu stürmen, wo die jüdische Bevölkerung Schutz gesucht hatte. Sie stellten sie vor die Wahl: Tod oder Zwangstaufe. Es wird geschätzt, dass in Worms rund 800 Juden ermordet wurden oder, gemeinsam mit ihren Familien, Selbstmord begangen, um der Konversion zu entgehen. Etwa 1.000 der 7.000 Einwohner von Mainz waren Juden, fast alle von ihnen wurden ermordet. Schätzungen zufolge wurden während der Pogrome etwa 5.000 Juden ermordet.

Während des Zweiten Kreuzzugs kam es erneut zu Pogromen. Die Zahl der Opfer erreichte jedoch nicht dieselben Ausmaße wie während des Ersten Kreuzzugs. Die Pogrome während der Ersten und Zweiten Kreuzzüge beendeten die Blütezeit jüdischen Lebens in Deutschland. Juden, die das Morden überlebt hatten, hielten die Namen der Märtyrer in Memorbüchern fest, und verlasen sie fortan am Schabbat und an Feiertagen in den Synagogen.

Ritualmordlegenden

In den nachfolgenden Jahrhunderten setzte sich die Judenverfolgung fort. Beginnend mit dem 13. Jahrhundert führten judenfeindliche Verleumdungen erneut zu zahlreichen Pogromen, die immer größer werdende Regionen erfassten. Eine dieser Verleumdungen war die sog. Ritualmordlegende, die behauptete, Juden würden christliche Kinder entführen und töten, und deren Blut zum Passah-Fest zu verwenden.

Diese Verleumdungen traten im 12. Jahrhundert erstmals in England auf und gelangten 1235 nach Deutschland als in Fulda 34 Juden verbrannt wurden. Eine päpstliche Bulle von Papst Innozenz IV. im Jahr 1247 sprach die Juden von diesen Beschuldigungen frei und warf den Anklägern vor, die hetzerischen Legenden gezielt zu verbreiten, um sich des Besitzes der ermordeten Juden zu ermächtigen.

Die päpstlichen Einwände konnten jedoch nicht verhindern, dass sich die Verleumdungen im Bewusstsein der Bevölkerung festigten und sich sogar ein Heiligenkult entwickelte. So wurde 1287 der ungeklärte Tod des 16-jährigen Werner von Oberwesel den Juden angelastet. Den nachfolgenden Pogromen in mehreren Ortschaften am Mittelrhein fielen 321 Juden zum Opfer. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde Werner als Volksheiliger verehrt. In seinem Namen errichtete Kapellen wurden zu Wallfahrtsorten, die finanziell von dem Kult profitierten. Werners Name wurde erst 1963 aus dem Heiligenverzeichnis gestrichen.

Der Vorwurf des Ritualmords trat bis ins frühe 20. Jahrhundert immer wieder auf. Oft griff die Presse die Vorwürfe ungeprüft auf und machte sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, was die judenfeindlichen Ausschreitungen anfeuerte.

Vorwurf der Hostienschändung

Mit dem Vierten Laterankonzil 1215 hatte die Katholische Kirche die Lehre der Transsubstantiation bestätigt, wonach sich bei der Heiligen Messe verwendetes Brot und Wein wahrhaftig in den Leib und das Blut Christi verwandle. Als Judenhasser Gerüchte in Umlauf setzten, Juden hätten geweihte Hostien durchbohrt oder zerschnitten, warf die christliche Bevölkerung ihnen demnach vor, den Leib Christi „geschändet“ zu haben.

Infolge solcher Verleumdungen kam es 1298 zu Pogromen in Franken. In Rothenburg ob der Tauber wurden 470 Juden ermordet, in Nürnberg über 700 und in Würzburg über 800 Juden. Die Pogrome erfassten auch die Oberpfalz, Schwaben, Hessen und Thüringen. Insgesamt fielen rund 5.000 Juden den sog. „Rintfleisch-Pogromen“ zum Opfer. Weder die kirchliche noch die weltliche Obrigkeit kam den Juden zu Hilfe. Der Vorwurf der Hostienschändung war auch 1336-1338 Vorwand der sog. „Armleder-Pogrome“, die Südwestdeutschland und das Elsass erfassten.

1389 wurden während des Osterfests die Juden Prags Opfer eines Pogroms. Die Zahl der Ermordeten wird auf zwischen 500 und 3.000 Personen geschätzt. Unter dem Vorwurf des Ritualmords und der Hostienschändung wurden 1510 in Berlin 38 Juden bei lebendigem Leib verbrannt, zwei wurden enthauptet. Anschließend wurden alle Juden der Mark Brandenburg verwiesen.

Die Pestpogrome

Die Große Pest raffte 1347-1351 rund ein Drittel der Bevölkerung Europas dahin. Noch bevor die Pest Deutschland erreichte, ergriff eine Welle antijüdischer Pogrome, ausgehend von Südeuropa, den deutschsprachigen Raum. In Januar 1349 wurden die Juden Basels und Freiburgs bei lebendigem Leib verbrannt, viele ihrer Kinder in Klöster verschleppt und zwangsgetauft. In Straßburg wurde gar der gesamte Stadtrat abgesetzt, nachdem dieser versucht hatte, die jüdische Bevölkerung zu schützen. Schätzungen zufolge wurden zwischen 900 und 2.000 Straßburger Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.  

Dass viele Städte noch vor Auftreten der Pandemie von Pogromen erfasst wurden, deutet darauf hin, dass die Pestpogrome kein Ausdruck „spontaner Gewalt“ waren, sondern ihnen oft wirtschaftliche Überlegungen zugrunde lagen. Darauf lässt auch eine Vereinbarung Karls IV., römisch-deutscher König und späterer Kaiser, mit den Städten Frankfurt und Nürnberg aus dem Jahr 1349 schließen. Diese legte fest, dass das Eigentum ermordeter Juden in den Besitz der Stadt übergehen und ihre Ermordung straffrei bleiben würde.

Wie bereits bei den Pogromen während des Ersten und Zweiten Kreuzzugs wählten auch während der Pestpogrome zahlreiche Juden den Freitod – oft indem sie ihre eigenen Häuser anzündeten, wie in Worms, Mainz und Frankfurt. Lediglich die jüdische Bevölkerung in Regensburg wurde vor Pogromen bewahrt, nachdem der Bürgermeister und 250 angesehene Bürger der Stadt sich für den Schutz der Juden eingesetzt hatten.

Infolge der Pestpogrome wurden rund 300 jüdische Gemeinden vernichtet, nur 58 blieben erhalten, u.a. in Regensburg und Goslar und in den Städten Böhmens und Mährens. Die bereits im 13. Jahrhundert eingesetzte Auswanderungswelle setzte sich nach den Pestpogromen fort. Viele Juden, die die Pogrome überlebt hatten oder rechtzeitig fliehen konnten, wanderten in Richtung Osten aus. Polen und Litauen wurden zum neuen Mittelpunkt des europäischen Judentums.

Zurück zur Übersicht

Auch interessant:

Judenverfolgung im Mittelalter: Religiöse Herabsetzung

Die SchUM-Gemeinden: Wiege des aschkenasischen Judentums


Kostenlose Broschüre

Bestellen Sie unsere kostenlose Broschüre "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", die einen kurzen Einblick in die Fülle von Themen gibt, Aufmerksamkeit weckt und zum Weiterlesen anregt.

Gerne lassen wir Ihnen auch mehrere Exemplare zukommen, die Sie in Ihrem Bekanntenkreis weitergeben können. Bestellung in unserem ICEJ-Büro: info@icej.de oder Tel. 0711 83889480

 


ICEJ-Nachrichten per E-Mail abonnieren

 

Share this: