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Reuelos: Israel nicht selbst schuld an seiner wachsenden Isolation

Gedanken zum jüdischen Neujahrsfest

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Posted on: 
28 Sep 2011 (All day)
Reuelos: Israel nicht selbst schuld an seiner wachsenden Isolation

Während die Vereinten Nationen über einen Palästinenserstaat abstimmen und frühere regionale Verbündete des jüdischen Staates wie die Türkei und Ägypten offen Feindseligkeiten erkennen lassen, gibt fast die gesamte Weltgemeinschaft Israel die Schuld an seiner eigenen Isolation.

Wenn Israel sich doch nur bei der Türkei dafür entschuldigt hätte, dass es neun Türken auf der Gaza-Flottille letztes Jahr tötete– so wird argumentiert. Dann würde Premierminister Recep Tayyip Erdogan nicht damit drohen, Kriegsschiffe vor die israelische Küste zu schicken.

Wenn sich Israel nur bei Ägypten für die versehentliche Tötung von sechs Soldaten entschuldigt hätte, als israelische Hubschrauber über ägyptischem Territorium im August Terroristen verfolgten, dann hätte ein ägyptischer Mob nicht die israelische Botschaft in Kairo überfallen, während ägyptische Politiker sich weigerten, Telefonanrufe ihrer verzweifelten israelischen Amtskollegen anzunehmen.

Und hätte Israel doch nur den Siedlungsbau eingestellt und den Palästinensern eine faireLösung angeboten, dann würden sie sich nicht an die UNO wenden, um eine Zwangslösung anstelle von Verhandlungen einzufordern.

Zeit der Buße
Diese Anhäufung von Anschuldigungen trifft uns als Juden in einer Zeit besonderer Verletzlichkeit. Wir befinden uns schließlich in unserer Zeit der Buße (von Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest bis Jom Kippur, dem großen Versöhnungstag, Anmerkung der Redaktion). Während wir uns Rosch Haschana nähern, intensiviert sich unsere Selbstprüfung. Nach jüdischer Tradition ist die Grundlage der Buße die Entschuldigung. Bevor wir die Vergebung Gottes suchen, sollen wir diejenigen um Vergebung bitten, die wir verletzt haben, wenn auch nur unbewusst.

Doch bei der momentan vorherrschenden Stimmung sollten Juden der Versuchung derSelbstbeschuldigung widerstehen. Eine Entschuldigung dient dem Zweck der Heilung (von Beziehungen). Doch denjenigen, die von Israel eine Entschuldigung verlangen, geht es nicht um Versöhnung, sondern um das Gegenteil – sie wollen den jüdischen Staat kriminalisieren und ihm sein Recht auf Selbstverteidigung absprechen.

Entschuldigung auf Faktenbasis
Jegliche Entschuldigungen sollten auf Fakten basieren. Erdogan hat schon lange vor dem Flottillen-Vorfall damit begonnen, dieisraelisch-türkische Allianz zu untergraben – er nutzte die Flottille nur als Vorwand, um seine Beziehungen zu Israel abzubrechen:Sein Ziel besteht nicht darin, die israelisch-türkischen Beziehungen wiederherzustellen, sondern sein Image in der muslimischen Welt zu verbessern, als der Staatsführer, der Israel erniedrigte.

Doch Israel könnte im Geiste dieser Zeit der Buße Erdogan immer noch die folgende Lösung anbieten: Wir entschuldigen uns für den Verlust von Menschenleben und er entschuldigt sich für die Ermutigung türkischer Dschihad-Kämpfer, Israels rechtlich legale und moralisch gerechtfertigte Blockade des Terror-Regimes in Gaza anzugreifen.

Dasselbe gilt für Ägypten: Israel entschuldigt sich für die unbeabsichtigte Tötung ägyptischer Soldaten – obwohl es nicht geklärt ist, ob sie durch israelische Schüsse oder einen palästinensischen Selbstmordattentäter getötet wurden, während Ägypten sich für den von der eigenen Regierung angeheizten Israel-Hass entschuldigt, wie z.B. für die Titelseite einer führenden ägyptischen Zeitschrift, „Oktober“, die Netanjahu als Hitler abbildete.

Die Palästinenser
Das Palästinenserproblem ist natürlich viel komplizierter. Israel, die arabische Welt und die Palästinenserführung teilen sich alle die Schuld für die palästinensische Tragödie. Unter den richtigen Umständen, in einer Atmosphäre wechselseitiger Umkehr, würde sich Israel für seine Rolle bei der Vertreibung und Besatzung der Palästinenser entschuldigen.

Und die Palästinenser würden um Vergebung bitten für ihre Rolle bei der Ermutigung der arabischen Welt, die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Heimatland abzulehnen und den Antisemitismus auf globaler Ebene wiederzubeleben. Dann würde jede Seite der anderen vergeben, dass sie so sehr in ihrem eigenen Trauma gefangen war, dass sie das Trauma der anderen Seite nicht anerkennen könnte.

Doch Israel ist nicht verantwortlich für den fehlenden Frieden.

Der Siedlungsbaustopp
Ich möchte sehen, dass meine Regierung einen Siedlungsbaustopp mit offenem Ende erklärt und den Palästinensern und der arabischen Welt zu verstehen gibt, dass sie kein Interesse daran hat, die Besatzung aufrecht zu erhalten, abgesehen von Sicherheitsbedürfnissen, und dass das jüdische Volk nicht heimgekehrt ist, um einem anderen Volk sein Heimatgefühl abzusprechen.

Doch ein Siedlungsbaustopp, wie notwendig er auch immer für unsere eigene Integrität sein mag, wird die Palästinenser nicht zurück an den Verhandlungstisch bringen. Netanjahus zehnmonatiger Siedlungsbaustopp war beispiellos – dieses Wort hat die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton verwendet. Doch die Palästinensische Autonomiebehörde hat die Gespräche weiterhin boykottiert.

Würde Netanjahu den Palästinensern einen Staat entlang einem Äquivalent der Linien von 1967 anbieten? Im Austausch für eine Anerkennung Israels als jüdischer Staat und den Verzicht auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge nach Israel? Ich glaube schon. Ich wünschte mir, er würde das ausdrücklich sagen, selbst wenn er dadurch seine Koalition riskieren würde.

Israelisches Angebot irrelevant
Doch tatsächlich ist die Frage, was Netanjahu bereit wäre anzubieten, irrelevant. Den Palästinensern wurde ein vergleichbares Angebot zu den Linien von 1967 von den israelischen Premierministern Ehud Barak und Ehud Olmert unterbreitet. Doch die Palästinenserführung lehnte es ab, weil sie das „heilige“ Rückkehrrecht nicht aufgeben wollten, wie Palästinenserführer Mahmoud Abbas es nennt – das bedeutet, dass heilige Recht, den jüdischen Staat durch demographische Unterwanderung zu zerstören. Die Regierung Netanjahus ist nicht der Grund für den Zusammenbruch des Friedensprozesses sondern sein Ergebnis.

Jüdische Selbstbeschuldigung
Die Versuchung zur jüdischen Selbstbeschuldigung ist tief in der zionistischen Psychologie verwurzelt. Zionismus war schließlich eine Revolution gegen jüdischen Fatalismus. Wenn die jüdische Situation unhaltbar ist, dann liegt der Fehler eindeutig bei einem Mangel an jüdischer Initiative. Wenn ihr nur wollt, sagte Zionisten-Vater Theodor Herzl, ist es kein Märchen.


Israelische Linkeund Rechte sind sich tatsächlich darin einig, dass Israel seine eigene Realität selbst und einseitig bestimmen kann, unabhängig von den äußeren Umständen. Wenn Israel nicht sicher genug ist, dann liegt es daran, dass wir nicht genug Macht und Abschreckung gezeigt haben, sagen die Rechten. Wenn es in Israel an Frieden mangelt, sagen die Linken, liegt es daran, dass wir nicht genug Zugeständnisse gemacht haben.

Sowohl die Rechten als auch die Linken blenden damit bedingungslos die Araber als einen unabhängigen Faktor aus, mit ihrem eigenen Willen und ihrer eigenen Agenda. Doch was wäre, wenn die arabische Welt Israels Existenzrecht nicht akzeptieren würde? Was wäre, wenn der Nahe Osten Veränderungen unterzogen wird, die wenig, wenn überhaupt, damit zu haben, was Israel möchte?

Dieses Jahr zu Rosch Haschana werde ich um Vergebung bitten für meine eigenen Sünden und die kollektiven Sünden Israels, wie die Liturgie es verlangt. Doch ich werde meine politischen Entschuldigungen für eine Zeit aufheben, in der solche Geständnisse nicht gegen mich verwendet und manipuliert werden. Es gibt keinerlei religiöse Verpflichtung an meiner eigenen Dämonisierung mitzuarbeiten. Ich werde nicht diejenigen um Vergebung bitten, die mir mein Existenzrecht absprechen.

Yossi Klein Halevi schreibt für The New Republic und ist Fellow am Hartman Institute in Jerusalem.

Link zum Originalartikel auf Englisch

 

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