Erinnern, bekennen und handeln!

Juden und Christen begehen gemeinsam Holocaustgedenktag in Stuttgart

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Posted on: 
27 Jan 2016
Erinnern, bekennen und handeln!

Mit dem Entzünden von sechs Gedenkflammen an einem illuminierten Davidsstern haben am Mittwoch, dem internationalen Holocaustgedenktag, rund 300 Juden und Christen in Stuttgart gemeinsam an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland erinnert. Veranstalter der Gedenkfeier im Neuen Schloss mit anschließender Kranzniederlegung am Holocaustmahnmal war der Deutsche Zweig der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ). Gottfried Bühler, Erster Vorsitzender der ICEJ-Deutschland, betonte wie wichtig es sei, das Andenken der Ermordeten zu ehren. Gleichzeitig rief er die Teilnehmer dazu auf, nicht nur in Betroffenheit über die Geschichte zu verharren, sondern sich in der Gegenwart aktiv für Israel und das jüdische Volk einzusetzen.

Zahlreiche Würdenträger aus der jüdischen und christlichen Welt sowie Vertreter der Stadt Stuttgart nahmen an der gut besuchten Veranstaltung teil. Zu den Ehrengästen gehörten der Holocaust-Überlebende Yossef Aron aus Israel, der Generalkonsul des Staates Israel für Süddeutschland, Dr. Dan Shaham Ben Hayun, der Landesrabbiner Württembergs Netanel Wurmser sowie Bürgermeisterin a.D. Gabriele Müller-Trimbusch, der Vorsitzende der Evangelischen Allianz Hartmut Steeb und der Initiator der „Marsch des Lebens-Bewegung“ Pastor Jobst Bittner.

Gegen Boykott, für Respekt und Nächstenliebe

Gottfried Bühler„Der Antisemitismus von damals ist heute in ein salonfähiges Gewand geschlüpft. Es heißt: Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus“, sagte Bühler in seinen Eröffnungsworten. Er kritisierte Boykottbewegungen gegen Israel und die neue EU-Kennzeichnungspflicht für Waren aus dem Westjordanland. Sie riefen bei vielen jüdischen Menschen schmerzliche Erinnerungen an die Nazi-Parole „Kauft nicht bei Juden!“ wach und dienten nicht dem Frieden in Nahost.

Er kündigte eine ICEJ-Petition gegen die neuen EU-Vorschriften an. Werte wie gegenseitiger Respekt und Nächstenliebe, die auf dem jüdisch-christlichen Weltbild fußten, sowie die deutsche Verantwortung gegenüber Israel müssten auch den hier ankommenden Flüchtlingen vermittelt werden, betonte der ICEJ-Vorsitzende. Da viele von ihnen aus juden- und israelfeindlichen Hintergründen kämen, stelle dies eine Herausfor-derung dar, die jedoch gemeinsam und mit Gottes Hilfe bewältigt werden könne. 

Hoffnung und gemeinsame Hilfe für Verfolgte

Dr. Dan Shaham betonte, dass sich nach der beispiellosen Katastrophe des Holocaust im Laufe der Zeit eine einzigartige Freundschaft zwischen Deutschland und Israel entwickelt habe. „Nicht zuletzt im humanitären Bereich ist unsere Zusammenarbeit stärker denn je. Das ist ein Zeichen der Hoffnung für viele Länder, Völker und Gemeinden“, sagte der Generalkonsul.

„Besonders am heutigen Tag muss es unser aller Pflicht sein, uns an die Vergangenheit zu erinnern und denjenigen zu helfen, die unsere Hilfe am meisten benötigen.“ Er erwähnte insbesondere Jesiden und Christen im Nahen Osten, die weiterhin unter Verfolgung und Diskriminierung litten.


Gottvertrauen und Liebe zu Israel

Der Holocaust-Überlebende Josef Aron aus Israel berichtete, dass er als Kind seine gesamte Familie im Holocaust verloren hätte. Der gebürtige Frankfurter, der mit seinen 80 Jahren einen noch sehr rüstigen Eindruck machte, wirkte gefasst und gleichzeitig gelöst, ohne jede Bitterkeit.

„Kommt nach Israel, es ist ein wunder-, wunderschönes Land mit allem Drum und Dran, das schönste Land, das es gibt“, forderte er seine Zuhörer auf, bevor er mit seiner Lebensgeschichte fortfuhr. Als Zehnjähriger sei er in Israel zunächst obdachlos gewesen und habe sich aus Mülleimern ernährt, bis er schließlich Zuflucht bei Familie Rubinstein fand. „Von da an ging es aufwärts.“ Geholfen habe ihm sein Glaube an Gott, der immer bei ihm sei, auch jetzt. „Kommt nach Jerusalem, Israel braucht Leute wie Euch“, wiederholte er seine frühere Aufforderung. „Ich hoffe, dass am Ende alles gut wird.“ 

Das Schöpfungsprinzip und der Holocaust

Landesrabbiner Wurmser erklärte mit Blick auf TuBischwat, das kürzlich begangene jüdische Neujahrsfest der Bäume, dass die Schoah so verabscheuenswürdig sei, weil sie gegen das göttliche Prinzip des Säens, Pflanzens und Erntens verstoße. „Der Schöpfer selbst hat nicht nur Menschen geschaffen, sondern selbst auch einen Garten gepflanzt, das Prinzip des Pflanzens begehen wir an diesem Tag.“ Menschen auszugrenzen und zu ermorden sei ein Verbrechen gegen den Schöpfer und das Schöpfungsprinzip selbst und nicht nur gegen die Menschen, die umgebracht worden seien.

Schließlich zitierte er die prophetische Verheißung für Israel aus Jesaja 10,20. „Es wäre gut, wenn manche Regierungen dieser Welt sich diesen Vers genauer anschauen würden“, sagte er unter dem Beifall seiner Zuhörer.

Scham, Stille und dann Solidarität –komme, was da wolle!

„Scham und Stille und die Bitte um Vergebung sind für uns Deutsche die erste angebrachte Reaktion auf den Holocaust“, sagte Hartmut Steeb in seinem Grußwort. „Und dann muss gesagt werden: Nie wieder!“ Im Namen der Deutschen und der Weltweiten Evangelischen Allianz versicherte er dem jüdischen Volk in- und außerhalb Israels: „Wir stehen an Ihrer Seite! Nicht nur an diesem Gedenktag sondern auch künftig, komme was da wolle!“ Gleichzeitig betonte er die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen, die in der deutschen Verfassung verbürgt sei und ihre Grundlage in der Gottesebenbildlichkeit finde.

„Wir sind gefragt“
Bürgermeisterin a.D. Gabriele Müller-Trimbusch betonte, wie wichtig es sei, jungen Menschen nahezubringen, was in der Nazizeit geschehen sei, da oft die Tendenz bestehe, die damalige Zeit zu verdrängen. „Judenhass rechtfertigte man mit Rassetheorien und gefälschten Protokollen. Damals haben wir untätig zugesehen. Wo waren unser Anstandsgefühl, unser Mut, unsere Empörung?“ fragte sie. Auch heute dürften wir nicht nur zuschauen, wenn Millionen Menschen in Not und auf der Flucht seien. „Hier sind wir gefragt“, betonte sie mit Blick auf die Flüchtlingskrise. „Mit den Stuttgarter Juden hatten wir großes Glück“, schlug sie den Bogen zur Vergangenheit. „Einige sind zurückgekommen und haben uns die Hand gereicht. Diese noble und souveräne Haltung habe ich immer bewundert. Vor den Holocaust-Opfern verneige ich mich voller Scham.“


Auch das kleinste Licht durchbricht die Finsternis

Pastor Jobst Bittner verwies auf die von ihm initiierte „Marsch des Lebens“-Bewegung, die entlang den Routen der Todesmärsche in Europa ein Zeichen gegen Antisemitismus, Schweigen und Gleichgültigkeit setze. Doch das allein sei nicht genug. „Der Antisemitismus ist in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft verbreitet“, sagte er und berichtete dann, dass ein Mädchen aus seiner Gemeinde in der Schule mit Prügel bedroht worden sei, weil es einen Davidsstern trug. „Wie schnell können wir wieder zu Schweigenden werden“, sagte er. Daher sei jede Kerze, die heute entzündet werde, Mahnung und Ermutigung zugleich, die eigene Verantwortung wahrzunehmen. „Lasst sie leuchten! Jedes Licht, auch das kleinste, durchbricht die Finsternis.“

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier von den jüdischen Musikerinnen Elina Gorbonosova und Alina Godunov.

 

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